Das Leben ist ein Hauch — Dolce Vita in München
Perspektiven

Das Leben ist ein Hauch — Dolce Vita in München

Ein Feuilleton-Essay über Oscar Niemeyer, Fellinis süßes Leben und eine Nacht im Glockenbachviertel, die sich anfühlt wie ein Film.

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Es ist kurz nach ein Uhr morgens, die Isar glitzert unter der Reichenbachbrücke, und jemand sagt einen Satz, der an diesem Abend nicht mehr verschwinden wird: „Manchmal ist das Leben wie ein Film.” Wir stehen vor einem Club im Glockenbachviertel, der Türsteher hat gerade zum zehnten Mal einem Hamburger erklärt, dass man hier draußen bitte leiser redet — nicht unfreundlich, eher wie ein Nachbar, der weiß, dass man sich morgen wieder sieht. In Ischgl hätten sie dir das Bier aus der Hand genommen. Hier sagt dir einer mit Münchner Gelassenheit, dass es halt Nachbarn gibt. Diese Freundlichkeit ist kein Zufall und keine Folklore — sie ist Haltung. In einem Land, in dem die AfD stärkste Kraft in Umfragen ist, in dem der Ton rauer wird und die Fronten härter, bleibt München eine Stadt des Dialogs. Man redet miteinander, nicht übereinander. Auch mit dem Hamburger, der zu laut ist. Auch zum zehnten Mal. Die queeren Ampelpärchen leuchten grün. Aus einer Bar dringt etwas, das nach Italo-Disco klingt. Ein Fahrrad fährt vorbei, ohne Licht, natürlich. Und dieser Satz hängt in der Luft wie der Geruch von Aperol und warmem Asphalt: Manchmal ist das Leben wie ein Film.

Der Satz hat keinen Autor. Er steht auf keiner Zitatseite mit Quellenangabe, kein Philosoph hat ihn geprägt, kein Dichter für sich beansprucht. Er gehört zum Kollektivbewusstsein der Nacht, zu jenen Momenten, in denen sich alle Fäden — Musik, Menschen, Licht, Temperatur — so verdichten, dass das Erlebte eine Intensität erreicht, die man sonst nur aus dem Kino kennt. Man weiß bereits im Erleben, dass man sich daran erinnern wird. Nostalgie im Moment. Das ist das Lebensgefühl, das München an seinen besten Abenden verschenkt — gratis, bedingungslos, flüchtig.

Tausende Kilometer südlich, in einem Studio an der Copacabana, sagte ein alter Mann mit weißem Haar und wachen Augen einmal etwas Ähnliches, nur grundsätzlicher. Oscar Niemeyer, der brasilianische Architekt, der Brasília aus dem Nichts in den roten Staub des Cerrado zeichnete, der mit seinen Kurven gegen die rechten Winkel der Moderne rebellierte und mit 98 noch einmal heiratete — dieser Niemeyer sagte in einem BBC-Interview: „A vida é um sopro.” Das Leben ist ein Hauch. Und dann, als wolle er dem existenzialistischen Gewicht dieser Aussage sofort die Schwere nehmen: „Ich messe dem Geld keinerlei Bedeutung bei. Nicht einmal dem Leben selbst. Das Leben ist ein Hauch, eine Minute. Man wird geboren, stirbt. Der Mensch ist ein völlig verlassenes Wesen.”

Man muss dieses Zitat im Zusammenhang hören, um zu verstehen, warum es nicht pessimistisch ist. Niemeyer, der atheistische Katholik, der kommunistische Individualist, wie der Filmdienst ihn nannte, meinte es als Befreiung. Gerade weil das Leben flüchtig ist, muss man es schön gestalten. Gerade weil der Mensch verlassen ist, braucht er Solidarität, Schönheit, die Kurve statt den rechten Winkel. „Meine Architektur wurde aus Mut und Idealismus gemacht”, sagte er. Und über das Bauhaus, diese heilige Kuh der deutschen Designgeschichte: „Ein Paradies der Mittelmäßigkeit.” Niemeyer baute keine Gebäude — er baute Einladungen zum Leben. Das MAC Niterói, seine fliegende Untertasse über der Guanabara-Bucht, schwebt auf einem einzigen schlanken Pfeiler, sechzehn Meter über den Felsen, und sieht aus wie etwas, das jeden Moment davonfliegen könnte. So wie der Moment selbst. So wie das Leben, ein Hauch.

Die Deutschen kennen diesen Satz, auch wenn sie Niemeyer vielleicht nicht kennen. Das ZDF verwendete ihn 2014 als Titel seines WM-Aftermovies, als Deutschland in Brasilien den Titel holte — ausgerechnet in Niemeyers Land, in Niemeyers Stadien. Bastian Schweinsteiger, das Gesicht blutig, der Körper am Ende, aufgeopfert bis zum letzten Tropfen, sagte nach dem Finale: Das Glockenbachviertel solle feiern. Er meinte München. Er meinte dieses Viertel. Er meinte dieses Lebensgefühl, das man nicht planen kann, das aber da ist, wenn alles zusammenkommt — die Stadt, die Nacht, die Menschen, der Moment. Im Campo Bahia, dem deutschen Mannschaftsquartier an der brasilianischen Küste, hatten sie zwischen den Spielen Schafkopf gespielt. Bayerischer geht Weltmeister nicht.

Fellini nannte sein Dolce Vita „ganz einfach die tiefe, nicht zu verleugnende Süße des Lebens” — trotz allem. München im Frühjahr 2026 lebt diese Süße, und es lebt sie mit einer Intensität, die an Fiktion grenzt. Am 22. März wählte die Stadt Dominik Krause zum Oberbürgermeister — den ersten grünen OB einer deutschen Millionenstadt, mit 56,3 Prozent, in achtzehn von fünfundzwanzig Stadtbezirken. Die SPD, die München seit 1945 fast ununterbrochen regiert hatte, verlor ihre letzte große Bastion in Bayern. Die Grünen sind mit 26,5 Prozent stärkste Kraft im Stadtrat. Svenja Jarchow kommentierte: „München schreibt Geschichte.” Und der abgewählte Dieter Reiter, mit einer Ehrlichkeit, die man in der deutschen Politik selten hört: „Ich hab’s verbockt, es ist meine Schuld.”

Was bedeutet das für eine Stadt, die sich seit Jahrhunderten als nördlichste Stadt Italiens versteht? In der dreißigtausend Menschen mit italienischem Pass leben, knapp sechshundert italienische Restaurants öffnen — angeblich mehr als in Florenz und Siena zusammen —, in der Kurfürstin Henriette Adelaide von Savoyen 1662 die Theatinerkirche errichten ließ, die erste Kirche im Stil des italienischen Spätbarocks nördlich der Alpen, und König Ludwig I. ganze Straßenzüge nach Florentiner Vorbild gestalten ließ? Die Feldherrnhalle — eine Kopie der Loggia dei Lanzi. Der Königsbau der Residenz — nach dem Palazzo Pitti. Am Alten Rathaus steht eine Julia-Statue, Geschenk der Partnerstadt Verona. München hat die deutsche Italiensehnsucht nicht nur kultiviert, es hat sie in Stein gemeißelt. Von Goethes „Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn” zum Aperol Spritz im Biergarten am Gärtnerplatz — die Sehnsucht ist dieselbe, nur das Medium hat sich geändert.

Ein grüner OB in der Hauptstadt des CSU-Freistaats. Das ist kein politisches Detail, das ist ein kulturelles Statement. Während die AfD bundesweit Rekordwerte einfährt, ist sie in München bedeutungslos — einstellig, ohne Nährboden, ohne Resonanz. Das liegt nicht daran, dass München keine Probleme hätte. Es liegt daran, dass diese Stadt ein Gegenangebot macht: Lebensqualität statt Angst, Offenheit statt Abschottung, Dolce Vita statt dumpfer Wut. München hat sich damit weiter von Bayern entfernt als je zuvor. Und gleichzeitig näher an sich selbst. Denn diese Stadt war immer schon anders: das älteste durchgehende rot-grüne Bündnis Deutschlands von 1990 bis 2014, 1.200 Kilometer Fahrradrouten, die renaturierte Isar — acht Kilometer Betonkanal verwandelt in naturnahe Kiesbänke, ein internationales Vorzeigeprojekt, für das Anfragen aus aller Welt kommen. Das Wasserwirtschaftsamt sagt: „München wird beneidet um seinen erlebbaren Fluss mitten in der Großstadt.” Niemeyer hätte die Isar-Renaturierung geliebt. Kurven statt rechte Winkel. Organisch statt funktional. Schönheit statt Effizienz.

Aber Fellini zeigte in La Dolce Vita auch die Leere hinter dem Glamour — Marcello, der am Ende die Unschuld nicht mehr hören kann. Diese Warnung gilt auch für München. Die lebenswerteste Stadt Deutschlands — Platz 1 bei Monocle, Platz 1 beim WirtschaftsWoche-Ranking seit 2013 — hat auch den teuersten Immobilienmarkt. Im Glockenbachviertel, auf diesem knappen Quadratkilometer, wo neunzehntausendachthundert Menschen leben und fünfundsechzig Prozent davon allein, liegt die Kaltmiete bei durchschnittlich 24,28 Euro pro Quadratmeter. Kaufpreise: 12.100 Euro. Der Harry Klein schloss 2023 — Abriss für einen Hotelneubau. Die legendäre Registratur schloss 2017 nach Nachbarschaftskonflikten. Der Blitz Club auf der Museumsinsel, von Mixmag 2017 als einer der zehn besten neuen Clubs der Welt gefeiert, schließt im August 2026. Die Clubs sterben, und mit ihnen die Orte, an denen Sätze wie „Manchmal ist das Leben wie ein Film” entstehen können.

Und doch. Die Rote Sonne am Maximiliansplatz — mitgegründet von Martin Gretschmann von The Notwist, benannt nach einem Film von 1969 — bietet seit 2025 Community Nights mit Pay-what-you-can-Prinzip. Ihr Markenzeichen: ein federnder Eichenholz-Tanzboden, der die Vibrationen der Bässe in die Körper überträgt. Das Pimpernel in der Müllerstraße, eine Institution seit den 1930ern — erst Bordell, dann Schwulenbar, heute Technoclub, Freddie Mercury war Stammgast — ist immer noch da. Am Karl-Heinrich-Ulrichs-Platz wird jedes Jahr am 1. Mai ein rosa Maibaum aufgestellt. Im Sub regnet es beim Hans-Sachs-Straßenfest um 20 Uhr zu Hildegard Knefs „Für mich soll’s rote Rosen regnen” rote Rosen auf die Menge. Das sind keine touristischen Attraktionen. Das sind Akte der Lebenskunst gegen die Logik des Marktes.

Und dann ist da dieser Sommer, der alles zusammenbringen könnte. München hat 2024 schon gezeigt, was möglich ist — Taylor Swift und Coldplay im Olympiastadion, die EM mit ihren Fan-Festen, eine Stadt im kollektiven Rausch. Jetzt, 2026: die Fußball-Weltmeisterschaft, und es ist nicht ausgeschlossen, dass der FC Bayern im Champions-League-Finale steht — wieder ein Jahr nach einem Finale in der Allianz Arena, wie 2012 und 2013. Die Stadt könnte explodieren vor Lebensfreude. Dolce Vita auf Bayerisch, im ganz großen Stil.

2012 und 2013 — München kennt dieses Muster. Die Stadt weiß, wie sich Verlieren anfühlt und wie Aufstehen. Im Mai 2012, beim Finale dahoam, wurde einer ganzen Stadt kurzzeitig der Stecker gezogen. Drogba traf, Schweinsteiger verschoss, und München lag im Koma. Ein Hauch, der stockte. Und in jenem selben Jahr, am 5. Dezember, starb Oscar Niemeyer in Rio, zehn Tage vor seinem 105. Geburtstag. Der Mann, der gesagt hatte, das Leben sei ein Hauch, wurde selbst zum Hauch. Aber München stand wieder auf — ein Jahr später, im Wembley einer anderen Weltstadt, Robben in der 89. Minute, der Titel. Weil diese Stadt das kann: hinfallen und weiterbauen.

Niemeyer hätte das verstanden. Zu seinem 102. hatte er gesagt: „102 werden ist Mist, und es gibt nichts zu feiern.” Und dann: „Das Datum ist nicht wichtig. Das Alter ist nicht wichtig. Die Zeit ist nicht wichtig. Das Leben ist sehr flüchtig. Es ist wichtig, sanft und optimistisch zu sein.” Er baute Kurven, weil das Leben keine geraden Linien kennt. Er baute Gebäude, die den Boden sanft berühren, die schweben und überraschen — weil das Leben ein Hauch ist und man diesem Hauch etwas Schönes entgegenhalten muss. Eduardo Galeano sagte über seine Architektur in Rio: Sie sei „geschaffen worden an dem Tag, als Gott dachte, er sei Oscar Niemeyer.”

München baut weiter. Trotz der Mieten, trotz der sterbenden Clubs, trotz Markus Söder. Eine Stadt, die sich einen grünen OB wählt, die ihre Isar befreit, die rosa Maibäume aufstellt und in der ein federnder Eichenholzboden die Bässe in die Körper trägt — diese Stadt hat begriffen, was Niemeyer meinte. Das Leben ist ein Hauch. Manchmal ist es ein Film.


Warum das auf einem Blog steht, der Building Anyway heißt? Tom Scott stand einmal auf den Kreidefelsen von Dover und redete über Entropie — darüber, dass alles zerfällt, der Code, die Klippen, die Dinge, die wir bauen. Und dann sagte er: Bau trotzdem. Die Klippen bröckeln, und jemand baut eine Sandburg an ihrem Fuß. München ist diese Sandburg. Schöner, als sie sein müsste. Flüchtiger, als man es ihr wünscht. Und genau deshalb wert, gebaut zu werden.


Das Leben ist ein Hauch. Build anyway.

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