Der Mann, der sich selbst verkleidet
Heute ist Karfreitag. Man isst keine Leberkässemmeln — aber man kritisiert die, die im Stundentakt welche posten. Markus Söder ist Ministerpräsident, Oppositionsführer, Food-Influencer und Cosplayer — und in mindestens zwei dieser Rollen überzeugend.
Ein satirischer Essay
Markus Söder hat sich dieses Jahr an Fasching als Braveheart verkleidet. Schwert, Kilt, blau-weiße Kriegsbemalung. William Wallace, der schottische Freiheitskämpfer. Er sagte dazu, und man muss das wirklich langsam lesen: „Auch wir Bayern lieben unsere Freiheit und Eigenständigkeit. Da sind wir wie die Schotten. Weiß-Blau verbindet!”
Nun wurde Braveheart bekanntlich nicht nur hingerichtet, sondern gevierteilt. Aber geschenkt — Details waren noch nie Söders Ding. Wobei: Die CSU-Ergebnisse bei den Kommunalwahlen im März kamen dem schon ziemlich nahe. Sein Ding sind Auftritte. Und in dieser Disziplin hat er eine Karriere hingelegt, gegen die selbst sein politisches Wirken verblasst. Was zugegebenermaßen nicht schwer ist.
Man muss sich die Kostüm-Chronologie einmal als das ansehen, was sie ist: eine psychoanalytische Selbstauskunft in Stoff. 2013 kam er als Marilyn Monroe. Ein 1,94-Meter-Franke im weißen Kleid, der einem sichtlich verstörten Horst Seehofer Handküsse zuwarf. 2014 dann Shrek — der sympathische Oger, der eigentlich in Ruhe gelassen werden will, dem aber die Umstände leider keine andere Wahl lassen, als Held zu sein. Man muss kein Psychologe sein, um zu ahnen, welche Figur hier wirklich gemeint war. 2015 Gandhi. 2016 Edmund Stoiber. 2017 Homer Simpson. 2024 Bismarck. 2025 Elvis. Und jetzt eben Braveheart.
Christian Lindner hat das einmal treffend zusammengefasst: Söder habe sich vom Shrek über Stoiber zum Monarchen hochverkleidet. Was Lindner nicht sagte, aber hätte sagen können: Irgendwann wird das Kostüm zur ehrlicheren Aussage als das Programm.
Denn Söder ist, wenn man es nüchtern betrachtet, der einzige Spitzenpolitiker der Bundesrepublik, der gleichzeitig Ministerpräsident, Oppositionsführer, Food-Influencer und Cosplayer ist — und in mindestens zwei dieser Rollen überzeugend.
801.000 Instagram-Follower. 9.500 Posts. Ein eigener Hashtag: #söderisst. Der Mann hat mehr Fotos mit Bratwürsten als mit Kabinettsmitgliedern im Netz. Er hat Depeche Mode im Flugzeug mitgesungen, William Shatner zum Geburtstag gratuliert und eine „Weltraum-Serie” auf Instagram gestartet, in der er in Astronautenjacke das Sonnensystem erklärt. Ein User kommentierte darunter: „WAS machen Sie eigentlich beruflich?” Eine Frage, die sich auch der Bayerische Landtag gelegentlich stellen dürfte — dort, wo Söder laut Protokoll so selten auftaucht, dass sein Stuhl mittlerweile mehr Sitzungszeit hat als er.
„WAS machen Sie eigentlich beruflich?” — Letzte Anwesenheit im Landtag: 2025
Aber der Witz an Söder ist ja, dass der Witz Methode hat. Man kann ihm vieles vorwerfen, aber nicht, dass er sein Publikum nicht kennt. Er hat ein feines Gespür dafür, was die Leute sehen wollen — und wenn sie es noch nicht wissen, zeigt er es ihnen trotzdem. Ricarda Lang, als sie noch Grünen-Chefin war, traf es am besten: Er sei der erste deutsche Politiker, der verstanden habe, dass Politik auch Entertainment ist. Was sie nicht sagte: Er ist womöglich auch der erste, bei dem das Entertainment die Politik vollständig ersetzt hat.
Nehmen wir die Atomkraft. 2011, nach Fukushima: Söder war der glühendste Ausstiegsbefürworter der Republik. Er drohte als Umweltminister mit Rücktritt, wenn der Ausstieg nicht bis 2022 komme. Er trug grüne Krawatten. Er sagte, der Ausstieg sei „eigentlich seine Idee” gewesen. 2023 dann: Posiert er vor dem AKW Isar 2 und nennt den Ausstieg „völligen Unsinn”. 2025: Räumt ein, Wiederinbetriebnahme sei „wirtschaftlich kaum tragbar”. 2026: Fordert Mini-AKWs für Bayern. Johannes Vogel von der FDP sagte dazu bei Anne Will den einzigen Satz, der in dieser Sache noch gesagt werden musste: „Söder wechselt seine Positionen ja wie Unterhosen.” Was Vogel nicht wusste: Das hat System. Unterhosen wechselt man, weil die alten nicht mehr frisch sind. Genau so funktioniert Söders Politik.
Man könnte das gleiche Spiel mit dem Verbrenner spielen. 2007 forderte er ein Verbot ab 2020. 2020 fand er 2035 „ein sehr gutes Datum”. 2024 war das Verbrenner-Aus dann „falsch” und musste „zurückgenommen werden”. Oder mit Corona: Vom härtesten Lockdowner der Republik zum Mann, der die Pandemie für beendet erklärt und Karl Lauterbach nicht mehr hören kann. Oder mit den Bienen: Erst ignoriert, dann umarmt (buchstäblich — es gibt ein Foto, auf dem er einen Baum umarmt), dann wieder vergessen.
Die NZZ schrieb einmal, Kehrtwenden hätten bei ihm „Methode”. Das ist richtig, aber es greift zu kurz. Kehrtwende setzt voraus, dass es eine Richtung gab. Bei Söder gibt es keine Richtung. Es gibt nur Wind — und davon versteht er mehr als von Windkraft, gegen die er bekanntlich auch schon mal war. Und dafür. Und wieder dagegen. Würde man einen Generator an Söders Wendehals anschließen, wäre die Energiekrise gelöst. Aber das wäre ja Windkraft, und da ist er gerade wieder dagegen.
Die Bayerische Staatskanzlei: Betrieben mit 100% Wendeenergie. Fördert Bier, Bratwurst & Bundesratblockaden.
Und dann ist da noch die Kanzlerfrage. Die ewige, die unsterbliche, die sich nicht totschlagen lässt — egal, wie oft Söder es versucht. Seine Instagram-Bio verrät ihn als „Clubberer”, als Fan des 1. FC Nürnberg, ewiger Zweitligist, immer kurz vor dem Aufstieg, immer am Ende doch nicht. Als Metapher für seine Kanzlerambitionen könnte man sich nichts Besseres ausdenken. 2020: „Mein Platz ist immer in Bayern.” 2021: „Ich bin bereit zu dieser Kandidatur.” Zwei Tage nach seinem Rückzug zitierte er Paulchen Panther: „Heute ist nicht alle Tage, ich komme wieder, keine Frage.” 2023: „Für mich ist die Sache erledigt.” 2024, am Gillamoos, mit dem Blick eines Mannes, der eine Wurst riecht: „Aber ich würde mich nicht drücken, Verantwortung für unser Land zu übernehmen.” 2025, auf die Frage nach seinen Kanzlerchancen: „Null. Der Friedrich Merz macht das jetzt acht Jahre.” Und dann, auf die Frage nach einer dritten Amtszeit als MP, zitierte er Franz Josef Strauß: „An der Spitze meiner Nachfolger stehe ich selbst an erster Stelle.”
Null also. Acht Jahre Merz. Erledigt. Sicher. Wobei — vier reichen ja vielleicht auch. Als Clubberer weiß man: Die Saison ist lang.
2. Liga — Saison 6. Paulchen Panther wartet am Torpfosten.
Die taz beschrieb das Muster einmal so: Auf Monate, in denen Söder seinen Platz in Bayern betont, folgen verlässlich Monate, in denen diese Äußerungen in einer Schublade mit der Aufschrift „Was geht mich mein Geschwätz von gestern an” verschwinden.
Und jetzt, März 2026: Kanzler Merz regiert in Berlin, Söder regiert dagegen. 47 Mal Nein zu Reformvorschlägen, zählte Lars Klingbeil. Gegen höheren Spitzensteuersatz, gegen Änderungen am Ehegattensplitting, gegen die Erbschaftsteuer — „reine Neidsteuer, da geht’s um Klassenkampf.” Ein Standbein in der Koalition, ein Spielbein in der Opposition, wie Ex-CSU-Chef Huber es nannte. Der auch sagte: „Das geht nicht.” Söder aber geht es trotzdem. Es ging ihm schon immer.
Und als die Koalition brannte, als Merz ihm öffentlich eine Ohrfeige verpasste, als die eigene CSU bei den Kommunalwahlen in München auf Platz drei landete und erstmals ein Grüner ins Rathaus einzog — da tat Söder, was Söder immer tut. Er floh nach vorne. Genauer: nach Texas. Im Cowboyhut. Beim Barbecue. Auf Instagram. „Washington ist weit weg von Texas”, postete er. „Berlin ist weit weg von Bayern.”
Katharina Schulze von den Grünen sagte: „Markus Söder arbeitet weiterhin nur für Markus Söder — und das leider in Vollzeit.”
Das stimmt wahrscheinlich. Aber man muss auch sagen: Er liefert. Nur was, das wechselt. Wie die Unterhosen.
Am Nockherberg trat dieses Jahr Stephan Zinner als neuer Fastenprediger an — der Mann, der Söder 15 Jahre lang im Singspiel gespielt hatte. Sein Vorgänger Maxi Schafroth war nach sechs Jahren abgesägt worden, nachdem er 2025 ein „Söder-Gebet” vorgetragen hatte, in dem Söder ein Kompetenzgerangel mit dem Herrgott führte. Das hatte es in der Geschichte des Nockherbergs noch nie gegeben: ein Fastenprediger, der für Majestätsbeleidigung bestraft wird. In Bayern. Beim Derblecken. Wo Majestätsbeleidigung der Sinn der Veranstaltung ist. Aber Söder hat eben seine eigenen Regeln. Er sagte, er besitze das „große Markusium in Söderistik”. Über Söders Eigenlob: „Ich muss Bayern nicht extra loben, unser Ministerpräsident macht das schließlich beruflich. Und zwar minütlich!” Über gebrochene Versprechen: „Sie wollten sogar eine Begrenzung auf zwei Amtszeiten in die Verfassung schreiben. Oder war das das Vorgängermodell, der alte Markus Söder? Der noch Bäume umarmt hat?” Über sein Instagram: „Ich hätte Sie gern in Grönland gesehen — als Jon Snow, im echten Schnee, mit der Bayernfahne in der Rechten und in der Linken ein Robben-Bratwurst-Weckla.”
Söders Reaktion auf die Fastenpredigt: „Guter Start.” Seine Reaktion auf das Singspiel: „Ach, ganz nett. Ich habe die ganze Sache nicht ganz verstanden.”
Das ist vielleicht das Ehrlichste, was er je gesagt hat.
Denn das Söder-Paradox ist am Ende gar kein Paradox. Es ist ganz einfach. Der Mann verkleidet sich nicht an Fasching. Er verkleidet sich das ganze Jahr. Shrek, Braveheart, Bienen-Retter, Atomkraft-Gegner, Atomkraft-Befürworter, Kanzlerkandidat, Nicht-Kanzlerkandidat, Team Vorsicht, Team Freiheit, Koalitionspartner, Oppositionsführer — alles Kostüme, hergestellt in der Maske des Staatstheaters Nürnberg — auf Steuerzahlerkosten, versteht sich —, wo sie auch sein politisches Programm schneidern: professionell, aufwendig, und am nächsten Tag wieder im Schrank.
Die Kabarettistin Luise Kinseher sagte einmal als Mama Bavaria zu ihm: „Bei so viel Identitäten wunder ich mich, dass du überhaupt noch nach Bayern einreisen darfst.”
Django Asül sagte: „Söder ist der Richtige. Ich habe nur keine Ahnung wofür.”
Und Wolfgang Krebs, der ihn seit Jahren parodiert, sagte den schönsten Satz von allen: „Söder ist fast eine Parodie auf sich selbst.”
Fast.
Aber eben nur fast. Denn eine Parodie wäre lustiger. Und kürzer. Und irgendwann vorbei.
Ein Blog namens Building Anyway schreibt über Technologie, über Projekte, über das Bauen von Dingen in einer Welt, die sie früher oder später wieder einreißt. Was hat Söder damit zu tun?
Alles. Denn Bauen passiert nicht im Vakuum. Es passiert in einem Land, das von Leuten regiert wird — oder eben verwaltet, vermarktet, verkleidet. Wer hier etwas aufbaut, tut das vor einer Kulisse aus Bratwurst-Instagram-Posts, ewigen Kanzleramtsfantasien und politischen Positionen mit der Halbwertszeit eines Faschingskostüms. Das zu ignorieren wäre nicht ehrlicher, nur bequemer.
Tom Scott sagte einmal, man solle trotzdem bauen. „Joy. Wonder. Laughter. Hope.” Laughter steht da drin. Manchmal ist eine Glosse über einen Mann, der sich das ganze Jahr verkleidet, das Ehrlichste, was man über den Zustand des Landes sagen kann, in dem man baut.
Build Anyway.