Der Aufsichtsratskanzler
Friedrich Merz regiert wie ein Aufsichtsratsvorsitzender — prüfend, delegierend, ohne eigenes Projekt. Eine Analyse von Biografie und Regierungsstil.
Friedrich Merz regiert Deutschland wie ein Aufsichtsratsvorsitzender – er überwacht, delegiert und kontrolliert, aber er gestaltet nicht. Nach 20 Jahren im politischen Exil, drei gescheiterten Kandidaturen und einer historisch blamablen Kanzlerwahl im zweiten Wahlgang führt ein Mann das Kanzleramt, der sein ganzes politisches Kapital darauf verwendet hat, dieses Amt zu erreichen, aber offenkundig nicht weiß, was er damit anfangen soll. Die Verbindung zwischen seinem beruflichen Habitus als serieller Aufsichtsrat und seinem Regierungsstil als „Ankündigungskanzler” ist keine Metapher – sie ist Biografie.
Zwölf Aufsichtsratsmandate und ein Privatflugzeug
Friedrich Merz’ Karriere zwischen 2002 und 2020 liest sich nicht wie der Lebenslauf eines Politikers in Wartestellung, sondern wie das Portfolio eines professionellen Aufsichtsrats. Nach dem Verlust des Fraktionsvorsitzes an Angela Merkel sammelte er Mandate wie andere Briefmarken: BlackRock Asset Management Deutschland (Aufsichtsratsvorsitzender, 2016–2020, mindestens €150.000 Jahresgrundvergütung), HSBC Trinkaus & Burkhardt (Verwaltungsratsvorsitzender, 2010–2019, ca. €75.000/Jahr), WEPA Industrieholding (Aufsichtsratsvorsitzender, 2009–2021), Flughafen Köln/Bonn (Aufsichtsratsvorsitzender, 2017–2020), Deutsche Börse, AXA Konzern, Stadler Rail, IVG Immobilien, Borussia Dortmund, BASF Antwerpen und diverse Beiräte bei Commerzbank, Ernst & Young und Robert Bosch. Im Jahr 2006 saß er gleichzeitig in acht Aufsichts- und Verwaltungsräten – als Bundestagsabgeordneter. Bei seiner Berufung zum Aufsichtsratsvorsitzenden des Flughafens Köln/Bonn 2017 verletzte die NRW-Landesregierung ihren eigenen Ethikkodex, der maximal zwei Vorsitze vorsah.
Parallel dazu arbeitete Merz als Partner, dann Senior Counsel bei der internationalen Wirtschaftskanzlei Mayer Brown in Düsseldorf (2005–2021), spezialisiert auf M&A, Compliance und Bankenrecht. Sein lukrativstes Einzelmandat: Die Bundesregierung beauftragte ihn als „Veräußerungsbevollmächtigten” für den Verkauf der WestLB – Honorar: €5.000 pro Tag, insgesamt knapp zwei Millionen Euro aus Steuergeldern, für eine letztlich gescheiterte Transaktion. Beim Börsengang der Stadler Rail 2019 waren seine 150.000 Aktien 5,7 Millionen Euro wert.
Als Merz 2018 sein Jahreseinkommen mit „nicht unter einer Million Euro brutto” bezifferte und sich zugleich als Angehöriger der „gehobenen Mittelschicht” bezeichnete, wurde das zur ikonischen Selbstentlarvung eines Mannes, der die Lebenswirklichkeit normaler Menschen offensichtlich nicht mehr kannte. Sein geschätztes Gesamtvermögen liegt bei rund 12 Millionen Euro. Er besitzt zwei Privatflugzeuge, mit denen er etwa zur Hochzeit von Christian Lindner auf Sylt einflog.
Der entscheidende Punkt ist nicht der Reichtum – es ist der berufliche Habitus. Ein deutscher Aufsichtsratsvorsitzender überwacht das Management, er führt es nicht. Er kontrolliert, er gestaltet nicht. Er bestellt und entlässt Vorstände, aber er leitet keine Abteilungen. Er setzt strategische Leitplanken, aber er implementiert keine Strategien. Merz hat 18 Jahre lang nichts anderes getan.
Chronik eines angekündigten Scheiterns: 2002 bis 2025
Die Geschichte von Friedrich Merz’ Weg ins Kanzleramt ist eine Geschichte wiederholten Scheiterns, in der am Ende nicht er gewann, sondern alle anderen verloren.
2002 – Die Urwunde. Nach der CDU-Spendenaffäre übernahm Merz im Februar 2000 den Fraktionsvorsitz, Merkel den Parteivorsitz. Die Doppelspitze hielt zwei Jahre. Bei einem Treffen in Wolfratshausen sicherte sich Merkel die Unterstützung von CSU-Chef Stoiber gegen Merz – im Gegenzug für die Kanzlerkandidatur. Nach der verlorenen Bundestagswahl 2002 beanspruchte Merkel den Fraktionsvorsitz. Es gab keine Kampfabstimmung – Merz wurde einfach zur Seite geschoben. Wolfgang Schäuble kommentierte: Merz habe „keine Erfahrung mit Niederlagen” gehabt. Merz selbst gestand, er sei „zu verletzt, um unter Merkel weiterzuarbeiten”. Fortan nannte er sie nur noch „die Dame”. Im Dezember 2004 trat er von allen Führungsämtern zurück, 2009 verließ er den Bundestag.
2018 – Der erste Comeback-Versuch. Als Merkel nach 18 Jahren den Parteivorsitz abgab, sah Merz seine Chance. Auf dem Hamburger Parteitag am 7. Dezember 2018 unterlag er Annegret Kramp-Karrenbauer in der Stichwahl mit 482 zu 517 Stimmen – eine Differenz von nur 35 Stimmen. Nah genug, um die Demütigung zu maximieren: Merz war so nah dran gewesen, dass das Scheitern physisch schmerzte, aber weit genug entfernt, um es nicht anfechten zu können.
2021 – Die zweite Niederlage. Beim digitalen Parteitag im Januar 2021 lag Merz im ersten Wahlgang sogar mit 385 zu 380 Stimmen vor Armin Laschet – fünf Stimmen Vorsprung. Dann flossen die Stimmen des ausgeschiedenen Norbert Röttgen zu Laschet, der die Stichwahl mit 521 zu 466 gewann. Merz versuchte anschließend, wenigstens das Wirtschaftsministerium von Peter Altmaier zu übernehmen. Merkels Reaktion aus dem Kanzleramt: „Is over.”
2022 – Der Sieg der Erschöpfung. Erst nach Laschets katastrophaler Wahlniederlage (CDU/CSU: 24,1%, historisches Tief) und dem Rücktritt aller Konkurrenten gewann Merz den Parteivorsitz mit 62,1% in einer Mitgliederbefragung – gegen die Leichtgewichte Norbert Röttgen und Helge Braun. Es war kein Aufbruch, es war eine Beerdigung: Merz erbte die Partei, weil niemand Ernsthaftes mehr kandidierte.
2025 – Kanzler im zweiten Anlauf, buchstäblich. NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst verzichtete auf eine Kandidatur, Markus Söder erklärte am 17. September 2024 in Berlin: „Die K-Frage ist entschieden. Friedrich Merz macht’s!” Die CDU/CSU gewann die vorgezogene Bundestagswahl am 23. Februar 2025 mit mageren 28,5% – nur 4,4 Prozentpunkte mehr als beim historischen Tiefpunkt. Und dann, am 6. Mai 2025, der Moment, der Merz’ gesamte Karriere symbolisch verdichtete: Im ersten Wahlgang der Kanzlerwahl erhielt er nur 310 von 316 nötigen Stimmen – 18 Abgeordnete aus den eigenen Reihen verweigerten ihm die Gefolgschaft. Es war das erste Mal in der Geschichte der Bundesrepublik, dass ein designierter Kanzler nach erfolgreichen Koalitionsverhandlungen im ersten Wahlgang scheiterte. Angela Merkel saß als Ehrengast auf der Tribüne. Erst im zweiten Wahlgang, am Nachmittag, wurde Merz mit 325 Stimmen gewählt. Politikwissenschaftler Karl-Rudolf Korte bilanzierte: „Die Startmöglichkeiten für ihn, mit vielleicht auch Zauber des Anfangs daherzukommen, die sind verpufft.”
Der Außenkanzler, der Innenpolitik als lästige Pflicht behandelt
Als Kanzler reproduziert Merz exakt das Verhaltensmuster eines Aufsichtsratsvorsitzenden: Er konzentriert sich auf die „strategische Ebene” – Außenpolitik, EU-Gipfel, NATO, transatlantische Beziehungen – und delegiert die operative Innenpolitik an seine Minister, so wie ein Aufsichtsrat den Vorstand arbeiten lässt. Albrecht von Lucke diagnostizierte in den Blättern für deutsche und internationale Politik im Juli 2025: Merz wolle „Außenkanzler” sein, „während für die Innenpolitik seine Dobrindts und Freis zuständig sein sollen.” ZDFheute analysierte im Oktober 2025: „Merz bleibt der Außenkanzler. Die Großthemen verleihen ihm Bedeutung auf der europäischen Bühne, aber sie nehmen ihm zugleich Raum für die innenpolitische Führung.” Merz selbst nannte die Bezeichnung „Außenkanzler” auf dem CDU-Parteitag im Februar 2026 „ein Kompliment” – und bestätigte damit die Diagnose unfreiwillig.
Seine Personalentscheidungen folgen derselben Logik. Statt erfahrener Politiker berief Merz Manager ins Kabinett, als würde er einen Vorstand besetzen. Karsten Wildberger, zuvor CEO von Ceconomy (MediaMarktSaturn) mit einem Jahresgehalt von 2,8 Millionen Euro, wurde erster Bundesdigitalminister – ein parteiloser Manager, der im Wirtschaftsrat der CDU Merz’ direkte Nachfolge als Vizepräsident angetreten hatte. Wildberger selbst formulierte die Ironie: „Ich habe einen Vorteil – ich komme nicht aus der Politik. Und ich habe einen Nachteil – ich komme nicht aus der Politik.” Katherina Reiche, zuvor Vorstandsvorsitzende der E.ON-Tochter Westenergie, wurde Wirtschaftsministerin – eine klassische Drehtür-Personalie, bei der LobbyControl feststellte, dass Reiche am Morgen ihrer Vereidigung noch als Interessenvertreterin im Lobbyregister geführt wurde. Der Verleger Wolfram Weimer (Gründer des Cicero, Ex-Chefredakteur Welt und Focus) wurde Kulturstaatsminister. Mehr als die Hälfte des Kabinetts hatte keinerlei Regierungserfahrung – einschließlich Merz selbst, der nie Bürgermeister, Landrat, Staatssekretär oder Ministerpräsident war. Christoph Schwennicke, Politikchef von t-online, fasste es zusammen: „Eine Regierung der Amateure und Novizen.”
„Ankündigungskanzler”: Die Reformen, die nie kamen
Das prägnanteste Beweisstück für Merz’ Regierungsstil liefert er selbst. Im Sommer 2025 kündigte er einen großen „Herbst der Reformen” an – Steuerreform, Bürokratieabbau, Wirtschaftswende. Was kam? Die Reformen wurden in Kommissionen ausgelagert, jene Lieblingsinstrumente von Aufsichtsräten, die Entscheidungen vertagen wollen, ohne es zuzugeben. ZDFheute bilanzierte: „Der Herbst der Reformen: ins Wasser gefallen.” FDP-Chef Christian Dürr sprach vom „Winter der Enttäuschung”. Als auch der als Ersatz ausgerufene „Frühling der Reformen” nicht materialisierte, war das Muster unübersehbar.
Albrecht von Lucke sprach am 22. Dezember 2025 im ZDF-Morgenmagazin das Urteil: „Dann ist er letztlich ein Ankündigungskanzler und holt nicht ein, was er verspricht.” Von Lucke identifizierte ein Grundmuster: „Er macht immer einen Fehler: Er setzt die Erwartungen zu hoch und kann das Versprochene nicht einhalten.” Der Politikwissenschaftler ging weiter: Merz sei „kein großer Machtstratege” und „ungeübt im Umgang mit Macht” – er stehe „überhaupt nicht in der Tradition von Adenauer, Kohl und Merkel”, die Allianzen schmieden und die Partei bei der Stange halten konnten. Auch seine Regierungserklärungen blieben in der Kritik substanzlos – Publikum.net notierte „dieselben Phrasen wie immer” und „staatspolitische Allgemeinplätze, von denen jeder weiß, dass sie politisch folgenlos bleiben”. Grünen-Fraktionschefin Dröge bilanzierte im Bundestag: „Eine Regierung ohne Führung kann nicht funktionieren.”
In der bislang größten Krise seiner Kanzlerschaft – den US-israelischen Militärschlägen gegen Iran ab Februar 2026 – reagierte Merz reaktiv und kommentierend, nicht gestaltend: Er berief den Nationalen Sicherheitsrat ein, vermied zunächst jede Kritik an Washington, bot später vage Minenräumung in der Straße von Hormus an und räumte selbst ein, das sei „ziemlich theoretisch”. Keine deutsche Initiative, keine eigene Strategie – nur Beobachtung und Kommentierung, exakt das Verhalten eines Aufsichtsrats, der dem Management zuschaut.
Die Zahlen spiegeln das Urteil der Bevölkerung: Im Oktober 2025 waren 71% der Deutschen mit dem Kanzler unzufrieden. Die Koalitionsparteien lagen in Umfragen bei zusammen 37% – acht Punkte unter ihrem ohnehin mageren Wahlergebnis. Die NZZ stellte fest: „Merz ist nach wenigen Monaten im Amt da, wo sein sozialdemokratischer Vorgänger Olaf Scholz erst nach Jahren angekommen war: Er ist zu einer Belastung für die Wahlkämpfe in den Ländern geworden.”
Die Dämonen des Friedrich Merz: Rache ohne Programm
Die psychologische Dimension der Merz-Kanzlerschaft ist von den Medien ausgiebig dokumentiert. Die Blätter für deutsche und internationale Politik titelten bereits im Januar 2024 „Merzens Rache” und zitierten: „Merkel ahnte stets: Die Rache von Friedrich Merz wird grausam sein.” Der Schweizer Blick analysierte: Für Merz sei die Kanzlerkandidatur „an erster Stelle die ultimative Rache an seiner politischen Erzfeindin Merkel”. Der Spiegel widmete ihm im Mai 2024 eine Titelgeschichte – „Die Dämonen des Friedrich Merz: Der CDU-Chef und sein gefährlichster Gegner: Er selbst” – in der anonyme Mitarbeiter ihn als „aufbrausend und bisweilen unbeherrscht” beschrieben. Der Stern titelte „Friedrich der Falsche”.
Was fehlt, ist das Projekt nach der Rache. Franz Müntefering (SPD) brachte es auf den Punkt: „Er war nie Bürgermeister, Landrat, Ministerpräsident. Kohl und Merkel holten ihn nie in ihre Kabinette – sie kannten ihn.” Die NZZ konstatierte im Dezember 2025: „Merz hat bislang keine politische Erzählung gefunden, die Kanzlerschaft und Parteiführung miteinander versöhnt.” Gabor Steingart nannte ihn nach dem ZDF-Sommerinterview den „blaffenden Kanzler” – Merz wurde bereits bei der ersten Frage unwirsch und belehrte die Journalistin: „Ich vermute mal, Sie – genauso wie viele Zuschauer – wissen gar nicht, was das ist.” Die Sendung offenbarte, so Steingart, „die Dämonen des Friedrich Merz: Der Kanzler war nicht gütig, sondern grimmig.”
Tichys Einblick formulierte von rechts die schärfste psychologische Diagnose: Merz sei „ein zutiefst eitler Politiker, der Zustimmung nicht als Geschenk des Wählers, sondern als ihm geschuldete Huldigung betrachtet. Bleibt diese Liebe aus, kippt seine Haltung nicht in Selbstprüfung, sondern in persönliche Kränkung.” Foreign Policy titelte im Dezember 2025: „Germany Loves to Hate Friedrich Merz” und notierte: „Almost nobody that I talk to has ever had a good word to say about him.”
Von der Satire zum Sittenbild: Merz als kulturelles Phänomen
Die satirische Verarbeitung der Kanzlerschaft reicht vom Präzisionsskalpell bis zur Abrissbirne. Die heute-show taufte Merz „Der Praktikant im Kanzleramt” und beschwerte sich öffentlich, dass die CDU dem Sendeteam seit Wochen die Akkreditierung verweigere. Jan Böhmermann eröffnete im September 2025 eine Kunstausstellung im Haus der Kulturen der Welt mit drei großformatigen Gemälden eines nahezu nackten Merz in Sichtweite des Kanzleramts. Die TITANIC-Redaktion veröffentlichte die satirische „Autobiografie” „Endlich Kanzler! Die endgültige Autobiografie von Friedrich Merz” (Satyr Verlag, September 2025) mit dem Untertitel: „Die Geschichte eines einfachen Jungen aus Brilon, der nie aufgehört hat zu träumen, weil er nie damit angefangen hat.” Martin Sonneborns Die PARTEI plakatierte Berlin mit „Black Rock Matters” im CDU-Design und erzwang per Gerichtsbeschluss die Ausstrahlung eines Wahlwerbespots, der auf Merz’ Stimmverhalten von 1997 gegen die Strafbarkeit der Vergewaltigung in der Ehe anspielte.
Auf TikTok und Instagram wurde Merz zum viralen Meme: In Adaptionen des „Dubai – Hast du keine Angst?”-Formats zeigten junge Nutzer statt heroischer Führer den Kanzler beim Stolpern, beim Fallenlassen eines Kuchentellers und beim Tippen auf dem Laptop „in Boomer-Manier” – das Sittenbild einer Generation, die diesem Kanzler nicht vertraut.
Drei Bücher dokumentieren das Phänomen: Volker Resings autorisierte Biografie „Friedrich Merz: Sein Weg zur Macht” (Herder), Mariam Laus analytisches Panorama „Merz – Auf der Suche nach der verlorenen Mitte” (Ullstein, 2025) und Sara Sieverts „Der Unvermeidbare”. Die Bezeichnungen, die in den Qualitätsmedien kursieren, erzählen die ganze Geschichte: „Kanzler der zweiten Wahl” (Tichys Einblick – mit dem Doppelsinn des zweiten Wahlgangs), „Kanzler der traurigen Gestalt” (Don-Quijote-Referenz), „Kanzler ohne Glanz” (NZZ: „Merz’ kein Jahr alte Kanzlerschaft vermag partout keinen Glanz zu verbreiten”).
Ein Aufsichtsratsvorsitzender im falschen Gebäude
Die Verbindung zwischen Merz’ Biografie und seinem Regierungsstil ist strukturell, nicht anekdotisch. Der Mann hat 18 Jahre lang professionell das getan, was ein Aufsichtsratsvorsitzender tut: er hat Vorstände bestellt und beurteilt, strategische Leitplanken gesetzt, Quartalsberichte geprüft und sich aus dem operativen Geschäft herausgehalten. Genau so regiert er. Er besetzt sein Kabinett mit Managern statt mit Politikern, konzentriert sich auf die „strategische” Außenpolitik, delegiert die innenpolitischen „Operations” an Dobrindt und Frei, kündigt Reformprogramme an wie ein Aufsichtsrat Quartalsziele absegnet – und wundert sich, wenn niemand sie umsetzt.
Das Problem ist nicht, dass Merz ein schlechter Aufsichtsratsvorsitzender wäre. Das Problem ist, dass ein Bundeskanzler kein Aufsichtsratsvorsitzender ist. Ein Kanzler muss führen, nicht überwachen. Er muss eine Erzählung haben, die über Quartalsergebnisse hinausgeht. Er muss Allianzen schmieden, nicht Beraterverträge vergeben. Die Ironie ist perfekt: Merz hat 20 Jahre auf dieses Amt gewartet, drei Niederlagen und eine historische Demütigung überstanden – und bringt als einziges Projekt die Abwesenheit eines Projekts mit. Die TITANIC hat das in einem Satz zusammengefasst, der als Epitaph auf diese Kanzlerschaft passen könnte: Die Geschichte eines Mannes, „der nie aufgehört hat zu träumen, weil er nie damit angefangen hat.”
Warum das hier steht
Dieser Blog heißt Building Anyway. Die Grundidee: Bauen ist besser als Warten. Anfangen ist besser als Ankommen. Und der Versuch, etwas zu schaffen — egal wie unfertig, egal wie klein — ist wertvoller als zwanzig Jahre Vorbereitung auf den perfekten Moment.
Friedrich Merz hat zwanzig Jahre auf den perfekten Moment gewartet. Er hat ihn bekommen. Und dann stand er da — ohne Bauplan, ohne Projekt, ohne eine Idee davon, was dieses Amt sein könnte außer das Ende einer langen Wartezeit. Er hat das Ankommen mit dem Anfangen verwechselt.
Das ist keine parteipolitische Beobachtung. Es ist eine menschliche. Wer nur darauf hinarbeitet, irgendwo anzukommen, hat am Ziel nichts mehr zu sagen. Die interessanteren Geschichten schreiben die, die unterwegs schon bauen — auch wenn das Ergebnis nicht perfekt wird, auch wenn niemand zuschaut.
Wer sich fragt, woher diese Überzeugung kommt, dem sei der erste Artikel auf diesem Blog empfohlen. Über Tom Scott, Vibe Coding und die Frage, warum man Dinge macht, auch wenn die Bedingungen nicht stimmen.
Dies ist Teil 1 der sechsteiligen Serie „Ein Jahr Kanzler Merz” — jeden Mittwoch auf Building Anyway.