Politik

Das Ruder rumreißen: Ein letztes Wort über Friedrich Merz

Der Abschluss der Merz-Serie — kein Abrechnen mehr. KUMMERs „Schiff" als Kompass: Merz ist der Kapitän, den wir haben (nicht der, den wir wollten). Wie wir das Schiff trotzdem flott halten.

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Die See ist rau. Die Wolken sind schwer. Wer KUMMER hört, denkt an Chemnitz. Wer Zeitung liest, denkt an Deutschland 2026.

Das Schiff fährt. Nicht elegant, nicht auf Kurs, aber es fährt. Fünfzehn Knoten durch eine See, die niemand so erwartet hatte: Trump und 25-Prozent-Zölle, Iran-Krieg in brüchiger Waffenruhe, Deindustrialisierung, AfD gleichauf mit der CDU in den Umfragen. Fünf Teile lang habe ich beschrieben, was auf diesem Dampfer alles schiefläuft. Jetzt ist Zeit für eine andere Frage: Was tun wir damit?

Felix Kummer hat 2019 einen Song über ein rostiges Schiff im Nirgendwo geschrieben. Über Dieselabgase im Maschinenraum. Über eine Band, die spielt, während das Ding untergeht. Über schlaue Talkshowgäste, die konstruktiv diskutieren. Und am Ende den Satz, um den es heute geht: „Ich fühl mich hier wohl.” Nicht, weil das Schiff schön ist. Sondern weil es Heimat ist. 2019 war das ein Song über eine diffuse Erschöpfung. 2026 ist es ein politischer Kompass.


Der Kapitän, den wir haben

Friedrich Merz ist Bundeskanzler bis 2029. Das steht fest. Meutern — sprich: Bundestagswahl — ist erst in drei Jahren. Bis dahin ist er der Kapitän, ob wir ihn mögen oder nicht.

Das klingt resignativ. Ist es aber nicht. Es ist Realismus. Und Realismus ist die Voraussetzung für alles Weitere. Seine Äußerungen müssen wir hören. Nicht jede davon als Evangelium nehmen — er ist nicht fehlerlos, wie diese Serie gezeigt hat — aber auch nicht bei jedem Versprecher den Aufstand proben. Ein Kapitän, der permanent mit Meuterei beschäftigt ist, navigiert schlecht. Das gilt für ihn. Das gilt für uns.

KUMMER singt: „Kohle schaufeln in den Ofen, es muss immer weitergehen.” Das ist Merz auf Tonband — mehr Arbeit, mehr Leistung, das ewige Narrativ. Stimmt zwar, dass wir im Zwischendeck die Turbinen am Laufen halten. Aber wenn wir nur schaufeln und nie steuern, bestimmen andere die Richtung.


Eine Stärke und ihre Schattenseiten

Merz ist 1955 geboren. Er denkt in Kategorien, die manchmal aus der Zeit gefallen wirken. Das stimmt — und manche Kategorien altern gut. Außenpolitik ist eine davon. Wer die Strukturen kennt — NATO-Doppelbeschluss, Ost-West-Konflikt, das langsame Verhandeln mit Moskau — versteht die aktuelle Lage intuitiv besser als jemand, der politisch erst nach der Wiedervereinigung sozialisiert wurde. Merz’ prinzipiengeleiteter Realismus, seine klare Haltung gegenüber Trump, seine Bereitschaft, Europa ohne Washington zu denken: Das ist keine PR. Das ist Erfahrung. Foreign Policy schrieb im März 2026, kaum ein westeuropäischer Staatschef formuliere den Fall für europäische strategische Autonomie mit derselben Klarheit. Das ist kein Kompliment der CDU an sich selbst. Das ist ein außenpolitisches Urteil.

Der Ewig Gestrige kennt auch, wo die Lecks entstehen.

Aber Merz hat zwei reale Schattenseiten. Die erste ist Egomanie — drei politische Niederlagen (2002, 2018, 2021), und er ist jedes Mal zurückgekommen. Nicht aus Selbstlosigkeit, sondern weil er etwas beweisen wollte. In einer Führungsposition ist Egomanie keine moralische Kategorie. Es ist ein Werkzeug. Helmut Kohl war eitel. Schröder war selbstverliebt bis zur Groteske. Beide haben Geschichte gemacht. Merz’ Rachegelüste gegenüber denen, die ihn unterschätzt haben, sind menschlich — und sie sind Treibstoff.

Die zweite Schattenseite ist die ernstere: dünne Haut. Merz reagiert auf Kritik empfindlich, das zeigen seine Ausraster und gelegentlichen Rückzüge ins Ausland, wenn die Presse besonders grob wird. Genau hier liegt die Gefahr, die oft übersehen wird. Wenn er sich beleidigt ins Internationale flüchtet — was er kann, weil er dort respektiert wird — drehen die Lobbyminister im Inland ungestörter am Rad. Wildberger, Reiche, Weimer — das Kabinett voller Wirtschaftsvertreter — brauchen keinen aufmerksamen Kanzler, der über die Schulter schaut.

Konstruktive Kritik — sachlich, konkret, ohne permanente Fauxpas-Jagd — ist deshalb nicht nur fairer. Sie ist strategisch klüger. Wer Merz mit „der hat schon wieder X gesagt”-Empörung beschäftigt, sorgt dafür, dass seine Aufmerksamkeit weg ist von dem, was seine Minister gerade tun.


Die Dieselabgase: Wer befeuert die Maschinen?

KUMMER beschreibt den Maschinenraum: Abgase der Dieselaggregate. Chronische Vergiftung, die keiner bemerkt, weil man sich daran gewöhnt hat.

Das Bild trifft etwas Reales in der Regierung Merz. Das Sondervermögen — 500 Milliarden Euro Infrastrukturfonds plus Verteidigungskredite — ist die größte fiskalische Feuerkraft, die ein Bundeskanzler je hatte. Es ist der Kohlevorrat im Bunker. Wenn der verschleudert wird — durch falsche Prioritäten, durch Lobbyismus, durch schlechte Vergabe — entsteht genau das, was im Song passiert: erst paar Tropfen aufs Parkett, dann steht das Wasser auch in der ersten Klasse.

Die Mittelschicht — Merz’ eigene Wählerbasis, die „gehobene” wie die gewöhnliche — sitzt im Zwischendeck. Sie schaufelt Kohle. Sie spürt die Abgase als Erste. Die Körperschaftsteuersenkung von 15 auf 10 Prozent greift erst 2028. Die Einkommensteuerentlastung für die Mittelschicht liegt noch nicht als Gesetzentwurf vor. Die Rentenkommission liefert erst Mitte 2026. Wer jetzt die Dieselabgase einatmet — steigende Krankenkassenbeiträge, Mieten plus 4,5 Prozent jährlich, Bürgergeld-Sanktionen ab 23. April — und auf Versprechen vertröstet wird, die in zwei Jahren kommen sollen, der hat ein Recht auf Ungeduld.

KUMMER hat die Logik bereits beschrieben: „Erst paar Tropfen auf Parkett / Doch auf einmal steht das Wasser / Aus den unteren Etagen / Dann auch in der ersten Klasse.” Das ist keine Drohung — das ist Physik. Soziale Unruhe, die lange genug ignoriert wird, kennt keine Klassenschranken. Tafeln, die Aufnahmestopps verhängen. Streikwelle 2026. AfD als stärkste Kraft in der nächsten Umfrage. Das sind keine Probleme der „unteren Etagen” mehr. Das sind Probleme des gesamten Schiffs. Die historische Ironie ist nicht zu übersehen: Ausgerechnet der Marktliberale Merz müsste als Umverteilungskanzler überleben. Das Oberdeck rettet man am sichersten, indem man das Zwischendeck nicht absaufen lässt.


Die Band spielt weiter

„Und die Band spielt weiter, aber ändert nix daran / Immer weiter, stundenlang / Die Begleitmusik zum Untergang.” KUMMER meinte das abstrakt. Wir haben dafür eine konkrete Institution: das Rundfunk-Tanzorchester Ehrenfeld.

Freitag, 22:30 Uhr. Die Heute-Show. Böhmermann. Hübsch aufbereitet, gut zugespitzt, Applaus im Studio. Danach fühlt man sich ein bisschen schlauer und schläft trotzdem gut. Das ist die Funktion — nicht Aufklärung, sondern Ventil. Man hat gelacht, also muss man nicht handeln. Das ist keine Kritik an Böhmermann. Auch keine an Welke, der macht seinen Job — und seine Anzüge erst recht. Es ist eine Kritik an uns, die wir das gerne mit „politisch informiert sein” verwechseln.

Wenn die Band mal kurz aufhört zu spielen, kommen die schlauen Talkshowgäste. KUMMER hat sie auch: „konstruktive Diskussion von schlauen Talkshowgästen.” In der deutschen Realversion heißt das: Lanz, 23 Uhr, mit Richard David Precht, der mit dem souveränen Blick eines Mannes erklärt, wie die Welt eigentlich funktioniert — der Blick eines Mannes, der die Antwort schon hat, bevor die Frage zu Ende gestellt ist. Morgen nächstes Thema. Nächster Gast. Und wir, das nächste Wrack, vergessen bis zur übernächsten Ausgabe.

Heute-Show und Lanz sind nicht das Problem. Das Problem ist, wenn wir sie mit politischer Teilhabe verwechseln. Das Schiff steuert sich nicht durch Freitagabend-Empörung.


Das Leck verhindern

„Irgendwann wird ein Loch zu einem Leck.” Das ist die Zeile, die bleibt.

Deutschland hat strukturelle Löcher: Deindustrialisierung, Fachkräftemangel, marode Infrastruktur, schrumpfende Mittelschicht, Kinderarmut als Normalzustand. Fünf Teile dieser Serie haben sie kartiert. Die entscheidende Frage ist nicht mehr, ob die Löcher da sind. Sie ist: Werden sie mit dem Sondervermögen gestopft, bevor das Wasser steigt?

Merz hat drei konkrete Hebel.

Erstens die Einkommensteuerentlastung der Mittelschicht — das wirksamste Signal vor 2028 und der einzige Kanal, über den seine eigene Wählerbasis spürt, dass das Sondervermögen nicht nur für Aufrüstung und Konzerne gedacht ist. Zweitens die Rentenreform, deren Kommission Mitte 2026 liefert. Hier liegt seine Chance auf ein Signaturprojekt, das die „Basisabsicherung”-Rede vom 20. April beim Bankenverband korrigiert — bevor der eigene Sozialflügel öffentlich gegen ihn steht, was er auf der CDA-Bundestagung in Marburg am 25. April bereits fast getan hat. Drittens ein messbarer Bürokratieabbau. 20.000 Bürgervorschläge liegen seit Monaten vor, das angekündigte „Entlastungskabinett” hat noch keine Bilanz.

Das sind keine utopischen Forderungen. Das sind Vorhaben, die er selbst angekündigt hat. Die Frage ist, ob er liefert — oder ob er der Ankündigungskanzler aus Teil 1 dieser Serie bleibt.


Vielleicht sogar acht Jahre

2029 ist Meutereitag. Aber bevor man meutert, lohnt ein Blick auf die Alternativen.

Da wäre zunächst der besoffene Bayer in der Ecke — Söder, Leberkäs-Semmel in der einen, Bierzelt-Mikrofon in der anderen Hand, der seit Jahren Kanzler werden will und seit Jahren scheitert, weil er außerhalb Bayerns ungefähr so beliebt ist wie Föhn in der Sauna. Ein Mann, der die politische Agenda des Landes jahrelang mitgeprägt hat, ohne je die Verantwortung dafür tragen zu müssen. Komfortabel.

Dann der blonde Kühlschrank — Söders eigene Formulierung für Weidel, was man ihm ausnahmsweise lassen muss. Eine Frau, die Europa retten will, indem sie es zuerst demontiert, und die transatlantische Beziehungen pflegt, indem sie sich bei Leuten anbiedert, die Deutschland für ein Anhängsel halten.

Und schließlich der verwirrte Mann, der in Interviews gerne Heine zitiert: „Denk ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht.” Das ist Chrupalla. Die Ironie, dass der Ko-Vorsitzende einer Partei, die Heine wohl kaum auf der Leseliste hätte, ausgerechnet diesen Vers als persönliches Credo vorträgt — ein jüdischer Dichter, der vor Deutschland fliehen musste — diese Ironie kommentiert sich selbst.

Und dann ist da noch die Möglichkeit, die niemand laut ausspricht: Habeck, von einem transatlantischen Rettungsschiff kommend. Er hat Zeit in Amerika verbracht, nachgedacht, Abstand gewonnen. Vielleicht kommt er zurück mit etwas, das gerade fehlt: einer Geschichte, die nach vorne zeigt. Vielleicht auch nicht. Aber das Schiff wartet.

Merz ist nicht die beste denkbare Wahl. Er ist die beste verfügbare Wahl — heute, in diesem Moment, mit diesem Bundestag. Und wer die Alternativen kennt, kommt vielleicht sogar auf acht Jahre.


Wir sitzen alle im selben Boot

Hier kommen KUMMER und Friedrich Merz zusammen, und das ist kein Witz.

„Ich fühl mich hier wohl” — nicht trotz des Schiffs, sondern wegen ihm. Weil es Heimat ist. Weil man nicht einfach rausspringt, nur weil es nach Abgas riecht und die Wände rosten.

Deutschland 2026 ist dieses Schiff. Wir — Merz-Wähler, Merz-Kritiker, Mittelschicht, Nicht-Mittelschicht — sitzen alle im Zwischendeck. Die Erste-Klasse-Kabinen werden nass, wenn genug Wasser eindringt. Das hat die Pandemie gezeigt. Das zeigt der Klimawandel. Das zeigt die AfD-Parität in den Umfragen.

Parteipolitische Häme bringt an dieser Stelle nichts. „Schaut euch diese Bauern an, schaut, wie sie ersaufen!” — das ist die Linie, die niemand fahren sollte. Weder von oben nach unten, noch als politisches Lagerdenken.

Merz ist nicht der Feind. Er ist ein Kapitän mit Macken, einer dünnen Haut, einem Hang zum Ewig-Gestrigen und einem Ego, das manchmal größer ist als die Kommandobrücke. Er ist bis 2029 unser Kapitän. Die Notsignalraketen leuchten schon. Die Band spielt weiter.

Wir können meutern — aber erst 2029, und nur, wenn wir wissen, wohin wir danach wollen. Bis dahin wäre es sinnvoller, aufzupassen, dass das Schiff kein Leck bekommt. Kohle schaufeln ja — aber wissen warum, wissen wohin, und ab und zu nachfragen, wer eigentlich entscheidet, ob wir Backbord oder Steuerbord halten.

Wir müssen das Schiff nicht lieben. Wir müssen es fixen. Und wir sitzen schließlich alle drauf.


Dies war der sechste und letzte Teil der Serie „Ein Jahr Kanzler Merz”. Danke fürs Mitlesen.

Und falls Felix Kummer das hier liest: Falls Kraftklub das nächste Mal in Augsburg spielen — für danach hätten wir eine Location für eine Hausparty.

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