Berlins transatlantischer Balanceakt
Vom Marsberg-Satz zum Tariff-Schock — wie der Iran-Krieg, die Trump-Tirade und der Streit um das Wort „völkerrechtswidrig" Deutschlands transatlantische Lage in zwei Wochen verändert haben.
Am 27. April sagte Friedrich Merz im sauerländischen Marsberg einen Satz, mit dem die Eskalation zwischen Berlin und Washington begann: Die Amerikaner seien „ganz offensichtlich ohne jede Strategie in diesen Krieg gegangen”. Drei Tage später drohte Donald Trump auf Truth Social mit einem Truppenabzug aus Deutschland. Am 1. Mai konterte Vizekanzler Lars Klingbeil bei der DGB-Kundgebung in Bergkamen: „Wir brauchen nun wirklich keine Tipps von Donald Trump.” Am 4. Mai kündigte Trump 25 Prozent Zölle auf europäische Pkw und Lkw an. Mercedes-Benz, BMW, Volkswagen und Porsche verloren binnen einer halben Stunde nach Xetra-Eröffnung zwischen drei und fünf Prozent.
Was im März noch als „transatlantisch in der Nostalgie, europäisch in der Praxis” zu beschreiben war, hat sich im April und Anfang Mai erkennbar Richtung „europäisch ohne Nostalgie” verschoben. Nicht abgeschlossen. Aber verschoben.
Die Eskalationskurve: Vom Geburtstagsgeschenk zum Zollschock
Der Kurs Friedrich Merz’ gegenüber Donald Trump lässt sich an Symbolen ablesen. Beim ersten Weißen-Haus-Besuch im Juni 2025 brachte der Kanzler die Kopie der Geburtsurkunde von Trumps Großvater aus Kallstadt mit — klassische Charme-Offensive. In Davos am 22. Januar 2026 sprach er bereits von einer „radikalen Änderung” der US-Außenpolitik und davon, Europa müsse „die Sprache der Machtpolitik sprechen lernen”. Auf der Münchner Sicherheitskonferenz am 13. Februar setzte er den bis dahin schärfsten Ton: „Der Kulturkampf der MAGA-Bewegung ist nicht unserer. Redefreiheit endet dort, wo sie sich gegen die Menschenwürde und unser Grundgesetz richtet.” Die US-Führungsrolle sei „infrage gestellt und möglicherweise verloren”.
Mit dem Iran-Krieg ab dem 28. Februar wurde aus rhetorischer Distanz ein operativer Bruch. In der Regierungserklärung am 18. März sagte Merz im Bundestag: „Wir hätten abgeraten, diesen Weg so zu gehen.” Zwei Tage später räumte er ein, Trump sei „im Augenblick nicht ganz so gut auf mich zu sprechen”. Die eigentliche Zäsur kam fünf Wochen später in Marsberg. Auf Merz’ „ohne jede Strategie”-Vorwurf reagierte Trump zunächst auf Truth Social: „Er hat keine Ahnung, wovon er spricht!” Dann legte er nach:
„Der deutsche Kanzler sollte mehr Zeit darauf verwenden, den Krieg mit Russland/Ukraine zu beenden, wo er völlig ineffektiv war, und sein kaputtes Land in Ordnung bringen, vor allem bei Einwanderung und Energie.”
Am 30. April kündigte Trump die Prüfung eines Truppenabzugs aus Deutschland an. Am 4. Mai folgten die 25-Prozent-Zölle. Merz selbst signalisierte am 3. Mai bei Caren Miosga wieder Konzilianz: Trump sei „ungeduldig”, weil eine Zollvereinbarung vom August 2025 fehle — „die Amerikaner haben es fertig, und die Europäer nicht.” Eskalation und Rückzieher in derselben Woche. Das ist der aktuelle Stand der Beziehung.
Wadephul: Der unauffällige Außenminister
Im Schatten dieser Schlagzeilen amtiert seit dem 6. Mai 2025 der erste CDU-Außenminister seit Gerhard Schröder 1966. Johann Wadephul, Jahrgang 1963, geboren in Husum, Jurist, Oberstleutnant der Reserve, zwischen 2017 und 2025 stellvertretender Vorsitzender der Unionsfraktion für Auswärtiges und Verteidigung. Politisches Profil: deutlich transatlantischer als Vorgängerin Annalena Baerbock, klare Israel-Solidarität, Ukraine-Hardliner. Er hatte bereits 2023 ukrainische Waffeneinsätze auf russischem Territorium befürwortet. Sein Stilbruch zur Ampel ist eindeutig: weniger werte-betont, mehr „Politik aus einem Guss” mit dem Kanzleramt.
Diplomatisch ist er auffällig aktiv: Israel/Saudi-Arabien/VAE/Türkei vom 10. bis 13. März, Tunesien am 24./25. März, Treffen mit US-Außenminister Marco Rubio am 28. März, Mitte April der EU-Rat für Auswärtige Angelegenheiten in Luxemburg, im April erneut der Nahe Osten — Jordanien, Syrien, Libanon, Bahrain, Tel Aviv. Inhaltlich auffällig ist seine Schutzformel zur Iran-Völkerrechtsfrage: Die Bundesregierung warte „auf eine abschließende Stellungnahme der USA”. Der Asterisk seines Amtsantritts: prorussische Telefonkomiker täuschten ihn vor Übernahme des Ressorts mit der Identität eines Selenskyj-Mitarbeiters und führten ihn 20 Minuten in die Irre — eine Lernkurve, die seither leise abläuft.
Der Völkerrechts-Streit: Wer sagt das verbotene Wort?
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat den Maßstab gesetzt. In seiner Festrede zum 75. Jahrestag der Wiedergründung des Auswärtigen Amts am 24. März sagte er: „Dieser Krieg ist nach meinem Dafürhalten völkerrechtswidrig — es gibt wenig Zweifel daran.” Er sprach von einem „doppelten Epochenbruch”: So wenig wie es ein Zurück vor den 24. Februar 2022 im Verhältnis zu Russland gebe, so wenig gebe es ein Zurück vor den 20. Januar 2025 im transatlantischen Verhältnis.
CDU-Außenpolitiker Jürgen Hardt rügte den Bundespräsidenten öffentlich: „Die für diese Frage allein zuständige Bundesregierung hat ihre völkerrechtliche Prüfung noch nicht abgeschlossen.” Wadephul verweigerte den Kommentar mit Verweis auf die „gute Tradition”, Äußerungen anderer Verfassungsorgane nicht zu kommentieren. Im April unterstrich ein zwölfseitiges Gutachten der Wissenschaftlichen Dienste des Bundestags die Steinmeier-Linie: völkerrechtswidrig — und die Nutzung der US-Basen Ramstein und Spangdahlem als „möglicherweise beihilfefähig”. Auftraggeberin: die Linksfraktion. Politisch peinlich für die Bundesregierung, juristisch nicht mehr zu ignorieren.
Die SPD-Linie ist nicht monolithisch — und das ist wichtig. Fraktionschef Matthias Miersch hatte bereits am 3. März erklärt: „Für uns steht fest, dass nach allem, was wir wissen, augenblicklich das Völkerrecht nicht eingehalten worden ist.” Außenpolitiksprecher Adis Ahmetovic legte im April nach: „Weder der US-Angriff auf Venezuela noch der Krieg gegen den Iran stehen im Einklang mit dem Völkerrecht.” Vizekanzler Klingbeil formulierte vorsichtiger — er habe „große Zweifel” (RND, 7. März). Rolf Mützenich liegt auf der kritischen Seite, hat im Frühjahr 2026 aber keine neue Festlegung getroffen. Es ist also nicht so, dass „die SPD” einheitlich von „illegal” spricht — die Schärfe-Spreizung reicht von Mierschs „Völkerrechtsbruch” bis zu Klingbeils „Zweifeln”.
Merz selbst hat das Wort konsequent vermieden. Sein schärfster Satz blieb der von Marsberg: „ohne jede Strategie.” Das ist viel — und nicht das, was Steinmeier verlangt.
Pistorius und Klingbeil: System komplementärer Rollen
Während Merz und Trump sich auf Truth Social und in Wahlkreisreden duellieren, läuft die Substanz der deutschen Außenpolitik in zwei Backchannels. Verteidigungsminister Boris Pistorius hat die Schlüsselformel geprägt: „Die NATO muss europäischer werden, damit sie transatlantisch bleiben kann.” Auf der Hannover Messe am 20. April bekräftigte er den 3,5-Prozent-NATO-Pfad — Deutschland werde ihn „im Jahr 2029, sechs Jahre früher als auf dem NATO-Gipfel 2025 vereinbart” erfüllen. Der Verteidigungshaushalt 2026 liegt bei über 108 Milliarden Euro. „Buy European” wird operativ: Im Februar trat das BwBB-Gesetz zur beschleunigten Beschaffung in Kraft, Großaufträge umfassen Loitering-Munition-Rahmenverträge und einen Vorvertrag für MEKO-A-200-Fregatten.
Klingbeil führt den zweiten Kanal — und zwar bewusst leise. Im SPIEGEL-Interview vom 24. Januar charakterisierte er ihn so: „Mein US-Amtskollege Scott Bessent und ich schreiben uns sehr nüchtern, ohne Emojis und ohne Show.” In der lautesten Trump-Phase Ende April / Anfang Mai war das die wichtigste Nicht-Schlagzeile der Woche: dass Berlin und Washington fiskalisch noch reden, während sich die Präsidenten auf der Truth-Social-Bühne wegbeißen. Am 1. Mai in Bergkamen verließ Klingbeil dann doch kurz die Nüchternheit — und stellte sich öffentlich vor seinen Kanzler.
Was Deutschland tut, während Berlin und Washington streiten
Hinter der Schlagzeilen-Welle hat die Bundesregierung im April und Anfang Mai erstaunlich viel Substanz produziert. Der Bundestag hob die Ukraine-Mittel im Etat 2026 final auf 11,55 Milliarden Euro an — drei Milliarden mehr als der Regierungsentwurf, vor allem für Artillerie, Drohnen, gepanzerte Fahrzeuge und die Wiederbeschaffung von zwei Patriot-Systemen. Am 14. April unterzeichnete das Verteidigungsministerium Verträge mit der deutschen Rüstungsindustrie über Luftabwehr und Drohnen mittlerer und langer Reichweite; mehrere hundert Millionen Euro fließen in „Deep-Strike”-Fähigkeiten. Merz’ Taurus-Absage vom 25. März bleibt — aber die Ukraine, sagt der Kanzler, baue eigene Langstreckenwaffen, das Hauptproblem sei Finanzierung.
Im Mittelmeer wurde die EU-Operation Aspides bis Ende Oktober 2026 verlängert, mit reduziertem Personalansatz (350 statt 700). Der Iran-Krieg, der seit 28. Februar tobte, ruht seit dem 8. April in einer brüchigen, in Islamabad vermittelten Waffenruhe nach 40 Kampftagen. Eine eigene Hormuz-Mission ist politisch in Vorbereitung — am 5. Mai bestätigte Wadephul die deutsche Bereitschaft nach einer endgültigen Waffenruhe; ein Bundeswehr-Minensuchverband sei bereits in Richtung Mittelmeer in Marsch gesetzt worden. Die SPD ist bei einer NATO-Variante skeptisch wegen des außereuropäischen Operationsraums.
Der hybride Druck wächst parallel. Am 7. April warnten Bundesamt für Verfassungsschutz, BND und FBI gemeinsam vor APT28-Angriffen auf TP-Link-Router — rund 30 verwundbare Geräte wurden in Deutschland identifiziert. Der Münchner Sicherheitsindex 2026 stuft Cyberangriffe als größtes nationales Sicherheitsrisiko ein, 73 Prozent der Befragten halten Vorfälle für unmittelbar bevorstehend. Pistorius’ im Dezember 2025 begonnene Linie öffentlicher Attribuierung wird konsequent fortgesetzt.
Der 4. Mai: Wenn die Zoll-Drohung zum Industriepolitik-Ereignis wird
25 Prozent auf europäische Pkw und Lkw. Trump verkündete sie auf Truth Social, ohne EU-Vorwarnung. Beobachter in Brüssel und Washington werteten den Schritt laut Handelsblatt als „Wutanfall” gegen Merz — der direkten Replik auf den Marsberg-Satz und die Klingbeil-Bergkamen-Antwort. Die Reaktion an der Börse fiel sofort: Bereits eine halbe Stunde nach Eröffnung notierten Mercedes-Benz, BMW, Volkswagen und Porsche zwischen drei und fünf Prozent im Minus.
Das Institut für Weltwirtschaft Kiel beziffert die kurzfristigen Produktionsverluste für Deutschland auf knapp 15 Milliarden Euro, langfristig auf bis zu 30 Milliarden — ein Rückgang der realen Wertschöpfung von etwa 0,3 Prozent. IfW-Präsident Moritz Schularick gegenüber Reuters am 3. Mai: „Die Effekte wären substanziell.”
Die Antworten zeigen die Arbeitsteilung der Koalition exakt. Klingbeil-Trotz: keine Tipps von Trump. Merz-Konzilianz bei Caren Miosga am 3. Mai: Trump werde „ungeduldig”, die Verabredung vom August 2025 sei nicht erfüllt, „die Amerikaner haben es fertig, und die Europäer nicht.” Was wie Selbstkritik klingt, ist taktisch — Merz lässt sich Verhandlungsraum offen, während Klingbeil die rote Linie hält. Das ist die Struktur, mit der diese Koalition außenpolitisch funktioniert: Klingbeil rüstet die Rhetorik auf, Pistorius rüstet die Bundeswehr auf, Wadephul rüstet die Allianzen ab. Und Merz balanciert dazwischen.
Eine Stärke, die zählt
Die deutsche Außenpolitik ist nach elf Monaten Merz strukturell anders, als sie im Mai 2025 begann. Die strategische Neuausrichtung — 5-Prozent-BIP-Ziel bis 2035, E6-Wirtschaftsinitiative, „Buy European”-Beschaffung, irreversible Distanzierung in der Sache — ist parteiübergreifend und kaum zurückzuholen. Was im März als „transatlantisch in der Nostalgie, europäisch in der Praxis” zu beschreiben war, hat sich Anfang Mai erkennbar weiterverschoben. Nicht zu „europäisch in der Konfrontation” — Merz hält bei Caren Miosga Verhandlungsbereitschaft offen — aber zu „europäisch ohne Nostalgie”.
Das ist auch das einzige Politikfeld dieser Serie, in dem man Merz uneingeschränkt attestieren kann: Er hat es besser gemacht, als zu erwarten war. Nicht perfekt — die Taurus-Kehrtwende, die Steinmeier-Spannung, das verweigerte „völkerrechtswidrig” sprechen dafür. Aber er hat Haltung gezeigt, wo es schwer war. Er hat Europa zusammengehalten, wo es auseinanderzudriften drohte. Und er hat den Mut gehabt, mit Trump zu brechen, obwohl er es sich nicht leisten konnte.
Das ist die Grundlage, auf der der letzte Teil dieser Serie aufbaut. Nicht Schönreden — Abwägen. Ein Jahr Kanzler Merz, und eine Frage bleibt: Was wäre möglich, wenn dieser Außenpolitiker auch innenpolitisch zu sich finden würde?
Dies ist Teil 5 der sechsteiligen Serie „Ein Jahr Kanzler Merz” — der Abschluss folgt morgen, am 6. Mai, auf Building Anyway.